Seit heute Morgen schneite es nicht mehr und das Matterhorn war nur noch eine halbe Stunde entfernt. Der Himmel war strahlend blau und die Sonne erwärmte mein Gesicht. Ich setzte mich auf eine Holzbank, nahm einen tiefen Atemzug und genoss für einen Moment die aromatische Bergluft und die traumhafte Aussicht.

Ich liess meine rechte Hand über einen verschneiten Ast einer kleinen Arve gleiten und leckte den Schnee von den Fingern. Der Schnee schmolz auf meiner Zunge und hinterliess einen würzigen Tannenzapfengeschmack. Als ich meine Wanderung fortsetzen wollte, klingelte mein Handy.

»Hey Vali, hier ist Sara.«

»Hey Sara!«

»Ich muss dringend mit dir reden, hast du ein paar Minuten Zeit?«

»Ja, sicher. Ist etwas passiert?«

»Gestern Abend hatte ich eine heftige Diskussion mit David und er erzählte mir, dass er mit einer anderen Frau geschlafen hat.«

»Das weiss ich.«

»Woher weisst du das?«

»Von ihm.«

»Von David?«

»Ja. Er rief mich letzte Woche an und erzählte mir alles.«

»Und was hat er dir sonst erzählt?«

»Er schien sehr traurig zu sein und erzählte mir, dass euer Sexleben seit der Geburt eures zweiten Kindes nur noch bergab geht. Er sagte mir, dass er sich mehr Sex mit dir wünscht und fragte mich, ob ich irgendwelche Tipps hätte und ob ich ihm ein gutes Buch über sexuelle Leidenschaft empfehlen könnte.«

»Hast du ihm die Bücher empfohlen, die er seit Wochen überallhin mit sich rumschleppt?«

»Nein. Ich habe ihm empfohlen, so schnell wie möglich mit dir über seine Sehnsüchte und Bedürfnisse zu reden. Ihr müsst miteinander reden, nicht Bücher lesen! Er sagte mir, dass ihr zu Beginn eurer Beziehung richtig tollen und leidenschaftlichen Sex hattet. Und warum ist es denn heute nicht mehr so?«

»Während der ersten Schwangerschaft legte ich viel an Gewicht zu und ich fühlte mich nicht mehr wohl in meinem Körper. Nach der Stillzeit hatte sich mein Körper total verändert. Meine Brüste waren schlaff und ich schämte mich für meinen dicken Bauch und die Cellulite an den Oberschenkeln.«

»Das ist völlig normal, darüber musst du mit ihm reden!«

»Wenn das so einfach wäre.«

»Sara, er weiss nicht, wie du dich fühlst, wenn du nicht darüber sprichst. Durch dein Verhalten fühlt er sich unerwünscht und zurückgewiesen. Sei nicht überrascht, dass er seine Bedürfnisse mit einer anderen Frau stillen möchte.«

»Und findest du es normal, wenn er das macht?«

»Nächste Frage.«

»Nein, sag mir bitte ob das normal ist.«

»Das weiss ich nicht. Das müsst ihr unter euch abmachen.«

»Und was soll ich machen, wenn ich es nicht akzeptieren kann?«

»Dann musst du ihm das sagen.«

»Das habe ich schon gemacht.«

»Und was hat er gesagt?«

»Er fragte mich, was er machen soll, wenn ich keine Lust habe.«

»Das hätte ich dich auch gefragt.«

»Lachst du mich aus?«

»Nein. Ich hätte dich wirklich genau das gleiche gefragt. Er erzählte mir, dass ihr seit Corona keinen Sex mehr hattet.«

»Ja, das weiss ich, aber ich will nicht, dass er mit einer anderen Frau schläft!«

»Warum nicht?«

»Weil ich das nicht will!«

»Warum nicht?«

»Weil ich ihn liebe!«

»Warum liebst du ihn?«

»Weil er ein liebevoller Mensch ist.«

»Dann liebe ihn so, wie er ist und versuche nicht über sein Leben und seine Bedürfnisse zu bestimmen. Bestrafe ihn nicht, für das was er tut und zeige ihm, dass du ihn nicht verändern möchtest. Wir alle wollen, ein selbstbestimmtes Leben führen, und niemand kennt unsere Wünsche, Träume und Bedürfnisse besser als wir selbst.«

»Ich muss gestehen, dass ich jetzt langsam verstehe, dass er seine Bedürfnisse stillen möchte, aber mein Herz tut schon weh, wenn er mit einer anderen Frau schläft.«

»Oha! Ich will jetzt nicht deine ganze Romantik zerstören, aber dein Herz muss nur dein Blut pumpen und die Organe mit Sauerstoff versorgen – und interessiert sich nicht, mit wem dein Mann schläft.«

»Du bist echt lustig, das habe ich wirklich noch nie gehört. Komm, sag mir bitte, was ich tun soll.«

»Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du akzeptierst das, was er macht oder du trennst dich von ihm.«

»Ich will mich aber nicht von ihm trennen! Wir haben eine tolle Beziehung und er ist ein wundervoller Vater für unsere Kinder. Das ist mir sehr viel Wert.«

»Ja, du hast wirklich einen tollen Mann! Er hat ein grosses Herz für dich und liebt dich so, wie du bist. Liebe ihn so, wie er ist und eure Beziehung wird tausendmal schöner werden, als du dir vorstellen kannst.«

»Hey Vali, danke für deine Worte. Sie geben mir Kraft und Hoffnung. Danke für deine Zeit, ich wünsche dir eine schöne Wanderung und bis bald.«

. . .

Die Moral der Geschichte:

Veränderungen gehören zum Leben – und beziehungsfähig wird man erst in der Beziehung. Da wir uns selbst immer weiterentwickeln, verändern sich auch unsere Beziehungen, Träume und Bedürfnisse fortlaufend. Nichts bleibt so, wie es einmal war. Wir sollten jede Veränderung annehmen und keine Angst haben, auch mit dem Partner darüber zu reden. Es gibt keine perfekte Beziehung und keinen perfekten Partner. Der Gedanke, dass es irgendwo auf diesem Planeten einen Superhelden gibt, der unsere Bedürfnisse erkennt und stillt, ist eine Illusion und einer der Hauptgründe, warum Menschen unglücklich sind und viele Beziehungen scheitern.

PS: Hier kannst du »den ersten Teil« der Geschichte lesen.

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