Mein Interview bei Medical Tribune public

Wenn tiefe Entspannung und ein Gefühl des Friedens auch Sinnlichkeit und Lust erwecken, wenn Berührung vor allem das Herz berührt – dann handelt es sich um eine Tantra-Massage. Wir haben mit einem professionellen Masseur ein Gespräch über diese oft missverstandene Massageform geführt und gefragt, welche Bedeutung sie speziell für Frauen hat.

Von DR. PHARM. CHANTAL SCHLATTER
4. Dezember 2017

Valeriu, wie würden Sie beschreiben, was eine Tantra-Massage ist?

Valeriu: Die Tantra-Massage ist eine sinnliche Ganzkörpermassage, die heilsame, spirituelle, erotische und Wellness-Komponenten miteinander verbindet. Sie bietet in ihren verschiedenen Formen wundervolle Möglichkeiten zu entspannen, den eigenen Körper (wieder) zu entdecken und dabei auch seine Sinnlichkeit zu erleben. Es kann oder kann nicht zu sexuellen Höhepunkten kommen. Die Massierte darf einfach annehmen und sich ganz den eigenen Empfindungen hingeben, ohne selbst etwas zurückzugeben, zu leisten oder beweisen zu müssen. Dafür stellt der Tantra-Masseur einen geschützten, sicheren Rahmen her, fängt die Behandelte liebevoll auf, wenn Emotionen fliessen und bewertet die Körperlichkeit seiner Klientinnen nicht. Tatsächlich ist eine gute Tantra-Massage eine Kunst. Im Kern geht es darum, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu lenken und dabei Körper, Geist und Seele zu einem Ganzen zu verbinden.

Was bedeutet Ihre Arbeit als Tantra-Masseur für Sie selbst?

Die Tantra-Massage ist für mich persönlich keine Arbeit. Sie ist meine Berufung und ein Geschenk. Es ist ein grosses Privileg, Menschen berühren zu dürfen und sie auf dem spannenden Weg zur Entfaltung ihrer eigenen Sinnlichkeit begleiten zu dürfen. Als ich vor 14 Jahren selbst die erste Tantra-Massage erlebte, ahnte ich nicht, welche Bedeutung sie für mein ganzes Leben haben würde. Tief in meinem Herzen spürte ich den Wunsch, die Massage zu lernen und weiterzugeben. Heute bin ich Gott dankbar, dass ich den Mut hatte, meinem Wunsch zu folgen. Das Besondere dabei ist, dass ich einen Raum öffne, in dem jede Frau sich nicht nur wohlfühlt, sondern auch ihre eigene Sinnlichkeit neu entdecken und einen tiefen inneren Frieden erleben kann. Und ist es nicht das, was wir in der Liebe suchen?

Gehen mit einer Tantra-Massage zwingend spirituelle Ideen einher?

Nein. Niemand muss sich auf den philosophisch-spirituellen Hintergrund von Tantra an sich einlassen, wenn das nicht gewollt ist. Das Wunderbare an Tantra-Massagen ist, dass sie unmittelbar über die eigene Körperlichkeit und Sinnlichkeit erfahren werden. Selbst wer sich mit esoterischem Gedankengut schwertut, kann also von den vielen Wirkungen einer Tantra-Massage profitieren. Wer allerdings an der Entwicklung der eigenen Spiritualität interessiert ist, wird eine Tantra-Massage in vielerlei Hinsicht als sinnvolle und wertvolle Bereicherung seines Weges erfahren.

Wie kann die Tantra-Massage den Umgang mit der Sexualität und das Liebesleben positiv beeinflussen?

Viele Frauen haben den Kontakt zu sich selbst und vor allem zu ihrer eigenen Sinnlichkeit verloren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Körperliche und seelische Traumata sowie eine oftmals im Alltag nicht besonders liebevoll gelebte Sexualität tragen nicht zur Entwicklung einer selbstbewussten Sinnlichkeit bei. Die Tantra-Massage ermöglicht eine respektvolle und achtsame Reise zu sich selbst. Das führt ganz selbstverständlich zu mehr Sinnlichkeit, innerer Balance und zu mehr Wohlbefinden im Leben. Mithilfe der Erfahrung in der Massage können Frauen wesentlich besser spüren und später auch artikulieren, was ihnen guttut und was sie sich wünschen.

Interview Tantra-Massage Basel

Wird bei der Tantra-Massage auch der Intimbereich mit eingeschlossen?

Die Frau wählt selbst, ob der Intimbereich in eine Tantra-Massage einbezogen wird oder nicht. Für viele Frauen bietet die intime Yoni-Massage erstmals oder seit langer Zeit eine Möglichkeit, diesen Bereich in Form von zärtlichen Berührungen und teilweise auch erregenden Griffen zu erfahren. Das hilft ihnen, diesem Bereich in sinnlicher Weise und achtsam zu begegnen. Der Intimbereich der Frau ist schliesslich durch vielfältige Traumata und auch von gesellschaftlichen Tabus geprägt. Man könnte auch sagen, dass wir uns als Mensch – Mann oder Frau – nur vollständig angenommen fühlen, wenn auch dieser Bereich beachtet wird.

Warum hat die Tantra-Massage immer noch mit einem schlechten Image zu kämpfen?

Das ist eine sehr interessante Frage. Möglicherweise wissen viele Menschen gar nicht, was eine Tantra-Massage ist. Sie denken dabei sofort an Sex, weil das so vielfach in den Medien kolportiert wird. Hinzu kommt ein anderer Aspekt. Unsere Kultur und unsere Gesellschaft leben uns zwar scheinbar offen Sexualität in jedweder Form vor, dabei führen aber bedeutende Elemente wie Sinnlichkeit, echte Erotik und eine dem anderen zugewandte Sexualität ein Schattendasein. Viele Menschen können ihre Sexualität nicht wirklich ausleben und fühlen sich in diesem Bereich unglücklich. Tantra-Massage kann dabei helfen, sich und andere sinnlich und sexuell anders zu erfahren.

In welchem Zusammenhang kann die Tantra-Massage auch therapeutisch wirken?

Sexualität wird bei uns heute vielfach in den Kontext von normierten Schönheitsidealen und Jugend gebracht. Das hemmt viele Frauen dabei, ihre Sinnlichkeit und Sexualität zu leben. Kostbare Energie wird blockiert. Das Verhältnis zum Sexualpartner ist häufig gestört, da von beiden Seiten Erwartungen bestehen, die weder artikuliert noch erfüllt werden. Die Tantra-Massage verfolgt das Ziel, entsprechende Hemmungen und Blockaden zu lösen, um die Energie wieder frei fliessen zu lassen und so Raum für ganz neue Empfindungen zu schaffen. Frauen lernen dabei, sich einfach fallen lassen. Sie lernen, ihren Körper liebevoll zu betrachten und ihn so anzunehmen, wie er ist.

Wie kann man einen seriösen Anbieter finden?

Neben Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis und einem ersten Eindruck über die Webseite ist es das persönliche Gespräch zwischen Klientin und Masseur, das zählt. Frauen sollten sich dabei auch auf ihren Instinkt verlassen. Ein seriöser Masseur wird seine Klientinnen zu nichts überreden. Eine Tantra-Massage ist keine normale Massage. Zwar werden bestimmte Griffe und Techniken klassischer Massageformen aufgegriffen. Am Ende aber ist die Tantra-Massage ein derart tiefgreifend sinnliches und körperliches Erlebnis, dass man sie nicht mit einer normalen Massage vergleichen kann. Der Tantra-Masseur hat deshalb eine grosse Verantwortung. Er muss vertrauenswürdig und gleichermassen professionell agieren sowie die Frau in jeder Situation liebevoll auffangen. Dabei wird er auch ganz bewusst mit den erotischen Komponenten der Tantra-Massage umgehen, ohne dabei den Boden der Professionalität zu verlassen.

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